Prolog
Die Sonne spiegelte sich in der Frontscheibe des wuchtigen Baggers. Der Greifarm wurde länger und länger, während er langsam nach oben fuhr. Vorbei an den leeren Fensterhöhlen, hinter denen mal die Küche im ersten Stock gewesen war, ging es aufwärts bis zum Dachgeschoss. Der Fahrer steuerte das riesige Tentakel mit einem kleinen Hebel. Die Tür zu seiner Kabine hatte er geöffnet, ungeachtet des Motorenlärms. Die orangefarbene Warnweste baumelte über der Rückenlehne seines Sitzes. Oberhalb des Dachfirstes stoppte er den Greifarm und brachte ihn mit einer leichten Seitwärtsbewegung in die richtige Position. Dann senkte sich die Baggerschaufel und brach in den Dachstuhl ein. Der Lärm war ohrenbetäubend. Dachziegel flogen nach innen. Der massive Holzbalken, jahrzehntelang die Stütze des Daches, leistete Widerstand. Wie ein gefräßiges Raubtier krallte sich der Bagger in sein Opfer fest und rollte vor und zurück, ohne seine Beute aus den Klauen zu lassen. Der Kampf dauerte nicht lange. Unter dem harten Stahl des Greifarms splitterte das Holz mit einem lauten Knall auseinander. Das Loch im Dachstuhl verwundete und schwächte das Gebäude. Beharrlich fraß sich der Bagger weiter vor. Er würde nicht aufhören, bis alle Spuren des Hauses verschwunden waren.
Teil 1
Keller
Kapitel 1
Auch du hast dein Schicksal in der Hand
Cornelia Froboess
1958
Heute war ein besonderer Tag, das stand fest. Niemals vorher hatte Andreas mit einer neuen kurzen Hose auf das Gartengrundstück gehen dürfen. Diesmal war das anders. Sie waren nicht gekommen, um Furchen in den schweren Boden zu ziehen, Kartoffeln hineinzulegen und mit Erde zu bedecken, wie sie das sonst immer taten. Stattdessen türmten sich große Erdhügel dort, wo Andreas im letzten Sommer Erbsen von den grünen Ranken gezupft und genascht hatte. Die beiden Stachelbeersträucher hatten sich unter dem Gewicht der Erdmassen zur Seite geneigt und reckten trotzig einige zarte Knospen zum Himmel. Die getrockneten Reifenabdrücke eines Baggers hatten zwei parallele Rillen hinterlassen. Das gleichmäßige Muster der rechteckigen Erdklumpen erinnerte Andreas an Schokoriegel, die jemand an einer Tafel abgebrochen und in langen Reihen aneinandergelegt hatte. Wie schade, dass der Bagger nicht mehr hier war. Begeistert hatte er dabei zugesehen, wie das schwere Fahrzeug vor- und zurückgerollt war und seine große Schaufel immer tiefer in die Erde gegraben hatte. Der Krach des Motors hatte in seinen Ohren gedröhnt. Heute dagegen war es ruhig auf der Baustelle. Nur einige Meisen schimpften in den umliegenden Bäumen, weil eine Elster sich in ihrer Nähe niederließ. Andreas stürmte los, um die Baugrube zu inspizieren. Doch seine Mutter erwischte einen seiner Hosenträger und hielt ihn fest. »Hiergeblieben! Schau, wo du hintrittst. Mach deine neuen Schuhe nicht gleich dreckig. Bleib am besten hinter Papa.«
Sein Vater lächelte zu ihm herunter. In einer Hand trug er einen Einkaufskorb, in der anderen einen Kasten Bier. »Nächstes Mal kannst du hier wieder spielen. Heute legen wir den Grundstein für unser neues Zuhause.«
Andreas nickte. Dann hüpfte er hinter dem Vater über die Holzbohlen bis zu dem windschiefen Schuppen, den der Bagger erstaunlicherweise nicht plattgewalzt hatte. Unter seinem Vordach stand unverändert die alte Holzbank mit dem wackeligen Tisch davor. Sein Vater stellte die schweren Sachen ab und schüttelte seine Handgelenke. Dann marschierte er davon.
»Du kannst mir auspacken helfen«, befahl seine Mutter und hielt Andreas erneut an dem Hosenträger fest, der dummerweise wieder ihre Nähe gesucht hatte.
»Ich gehe mit Papa mit.« Er versuchte, die Hand seiner Mutter abzuschütteln. Sein Vater hatte schon den Rand der Baugrube erreicht. Dort unterhielt er sich mit jemandem weit unten, den Andreas zwar hören, aber nicht sehen konnte.
»Später«, erwiderte seine Mutter. »Du darfst nachher sogar da runter klettern. Jetzt bleibst du hier. Sonst bist du schmutzig, bevor unsere Gäste kommen.« Ihre Hand auf seiner Schulter lenkte ihn sanft, aber unmissverständlich zur Bank. Andreas stemmte sich hoch und plumpste auf die Sitzfläche. Seine Füße ließ er in der Luft baumeln. Abwechselnd donnerte er mal den einen und dann den anderen Schuh von unten an die Tischplatte. Dabei sah er zu, wie seine Mutter eine Tischdecke aus dem Korb nahm und auf dem Tisch ausbreitete.
»Halt die Füße still, mein Schatz, sonst fällt der Tisch um. Guck mal, was ich für dich mitgenommen habe.«
Andreas hörte auf, mit den Beinen zu schaukeln. Seine Mundwinkel wanderten nach oben, als seine Mutter ein Lurchi-Heft aus dem Korb zog.
Sofort streckte er seine Hände aus. »Du hast gesagt, die Hefte sind alle.«
»Ich habe eben ein bisschen geflunkert, um dich zu überraschen. Aber nun sei auch brav und guck dir das Heft an.«
»Du sollst mir vorlesen!«
»Jetzt nicht. Ich muss mich beeilen. Unsere Gäste kommen gleich.« Sie stellte Teller mit belegten Broten, eingelegten Gurken, Hackfleischbällchen und sogar einen Igel mit Käsewürfeln auf den Tisch. Andreas blätterte in dem Heft mit den bunten Bildern. Er kannte sie gut: Lurchi, den Salamander mit den gelben Flecken auf seinem pechschwarzen Körper, dem grünen Hut auf dem Kopf und seinen braunen Schnürschuhen. Dazu dessen bester Freund Hopps, der Frosch, und Andreas’ Lieblingsfigur Mäusepiep, ein ängstlicher Geselle, dem immer irgendwelche Missgeschicke passierten. Andreas versuchte, anhand der Bilder zu erraten, welche Abenteuer die Tiere miteinander erlebten. Aber das war schwer. Er seufzte. Nächstes Jahr kam er in die Schule. Dann musste er nie mehr warten, bis ihm ein Erwachsener eine Geschichte vorlas.
Über die Holzbohlen trippelten mehrere Männer und Frauen. Sogar ein Mädchen war dabei. Andreas kannte die Leute kaum. Sie wohnten in den wenigen Häusern, die in der Straße bereits gebaut waren. Hastig hob er sein buntes Heft höher vors Gesicht, bis er mit Lurchi und seinen Freunden wieder allein war. Zwischendurch beobachtete er über den Rand der Broschüre, wie sich das Grundstück füllte. Schließlich rief ihn sein Vater zu sich. »Komm, Sohnemann, sag unseren Gästen guten Tag.« Seine feste Männerhand schob Andreas von einem zum anderen. Jedes Mal streckten sich ihm fremde Hände entgegen, große starke, zierliche kleine, feuchte und rissige. Andreas murmelte »Guten Tag« und neigte seinen Kopf zu einem Diener nach vorn. Jedes Mal zuckte er zusammen, wenn sein Vater auf seine Schulter klopfte und sagte: »Mein Sohn Andreas.« Das würden die Leute bestimmt nie mehr vergessen. Oma kam und drückte ihn an ihre weiche Brust. Ihre feuchten Lippen presste sie auf seine Wange. Hastig wischte er mit dem Handrücken die Spucke weg, bevor er Opa die Hand schüttelte. Omas Spucke klebte nun an Opas Hand. Da passte sie viel besser hin. Immerhin waren die beiden verheiratet. Die Begrüßung mit Opa war ein festes Ritual, das mit wenigen Worten auskam. »Na, mein Großer« war der immer gleiche Gesprächsbeginn seines Großvaters, manchmal fragend, mal eine Feststellung, und wenn ihn die Kriegswunden an seinem Hinkefuß schmerzten, klang es eher traurig. Andreas’ Antwort war ein Nicken mit dem Kopf.
Inzwischen standen eine ganze Menge Leute um den alten Schuppen herum. Zwei Männer waren über eine Leiter aus der Baugrube heraufgeklettert und hatten sich an den Rand gestellt. Andreas beneidete die beiden um ihre derben Schuhe, die schmutzigen Latzhosen und die hochgekrempelten Hemdsärmel. Obwohl der Sommer noch gar nicht angefangen hatte, war ihre Haut gebräunt. Als sein Vater zwei Bierflaschen aneinanderschlug, verstummten die Gespräche der Erwachsenen. Sein Vater stellte die Flaschen auf den Tisch zurück, räusperte sich mehrmals, dann begann er zu sprechen.
»Meine verehrten Gäste, liebe Mutter, lieber Vater, werte Nachbarn« und mit einem Blick zu den beiden Bauarbeitern, die nach den Bierflaschen schauten, »liebe Maurer. Wir haben uns heute auf diesem Grundstück versammelt, um den Grundstein für unser neues Zuhause zu legen.
Meine Eltern träumten bereits davon, hier ein Haus für unsere Familie zu bauen. 1938 konnte mein Vater das Grundstück am Ortsrand von Niederhofheim erwerben. Doch dann brach der Krieg aus, mein Vater wurde einberufen und der Baubeginn auf unbestimmt verschoben. Aber das Land bewahrte uns in den Jahren der Lebensmittelrationierungen vor dem Hunger. Die russische Kriegsgefangenschaft, aus der mein Vater erst spät heimkehrte und die Strapazen aus den Jahren zuvor haben bei ihm, wie in der gesamten Generation unserer Eltern, Spuren hinterlassen. Aus seinem Haus-Traum wurde nichts. Heute leben meine Eltern in Höchst und möchten nicht mehr nach Niederhofheim umziehen. Umso dankbarer bin ich meinem Vater, dass er mir das Grundstück nun überschrieben hat. Ich und meine liebe Frau Elsbeth sind uns der damit verbundenen Verantwortung bewusst.« Andreas musterte seine Mutter, die erst lächelte, dann den Blick zu Boden senkte und errötete. »Wir werden ein gemütliches Heim für unsere Familie erschaffen, einen Zufluchtsort in Zeiten der Not, einen behaglichen Ort für Freunde und Nachbarn, eine friedliche Oase in all dem Chaos, das auf der ganzen Welt immer noch tobt. Die nächste Generation steht bereit, um das Erbe in dieser Tradition fortzusetzen. Mein Sohn Andreas ... Wo steckst du denn? Komm mal zu mir nach vorne.« Alle Augen waren auf ihn gerichtet. Andreas schob sich ein Stück hinter das geblümte Kleid seiner Mutter. Doch so weit der Rock auch war, es reichte nicht, um komplett dahinter zu verschwinden. Unter dem Gelächter der Umstehenden zog sein Vater ihn hervor. »Andreas hat, wie seine ganze Generation, das Glück, in einer Welt von Frieden und Wohlstand aufzuwachsen. In seiner Verantwortung wird es liegen, das, was wir schaffen, zu bewahren. Eines Tages gehört dies alles in deine Hände, mein Sohn. Geh verantwortungsvoll damit um.« Andreas sah erst zu seinem Vater auf und dann auf seine eigenen Hände. Nachdenklich blickte er auf seine Handflächen. Wie sollte da ein ganzes Haus hineinpassen? Und der Garten noch dazu? Sein Vater fuhr fort, sich bei dem Architekten, den Handwerkern und anderen Leuten zu bedanken. »Dank des Einsatzes unseres Bürgermeisters verfügt Niederhofheim inzwischen sogar über eine Wasserversorgung. Wir alle erinnern uns gern an das Wasserfest und den leckeren Spießbraten. Schimpfen wir nicht über die aufgerissenen Straßen, den Staub bei sonnigem Wetter oder den Matsch an Regentagen, sondern freuen wir uns über den Einzug einer modernen Infrastruktur in unserem Heimatort sowie unseren Häusern und Wohnungen.« Ein Mann mit Anzug und Krawatte streckte seine Brust raus und lächelte. Dabei hob er seinen Kopf. Andreas schob sich Schritt für Schritt zur Seite. Die Baupläne für das Zweifamilienhaus, die sein Vater erläuterte, interessierten ihn nicht. Im Schneckentempo kehrte er zur Bank zurück. Vorsichtig zog er einen Käsewürfel aus dem Igel und steckte ihn hastig in den Mund. Dann schlug er sein Lurchi-Heft auf. Was wollten Lurchi und seine Freunde an dem wilden Bach? Er wüsste es zu gern. Das Mädchen, das er vorhin schon gesehen hatte, setzte sich neben ihn auf die Bank. Ihre Finger wirbelten die Enden ihrer geflochtenen Zöpfe im Kreis wie einen Propeller.
»Ich heiße Anna. Du bist Andreas, stimmt’s?«
Andreas nickte und schwieg.
»Was liest du denn da?«
»Nichts«, antwortete Andreas wahrheitsgemäß.
»Wieso schaust du dann die ganze Zeit da rein?«
»Ich gucke mir die Bilder an.«
»Darf ich mitgucken?« Ohne seine Antwort abzuwarten, beugte Anna sich zu ihm. Ihr Zopf streifte seine Schulter.
Andreas witterte seine Chance, die Geschichte jetzt gleich zu hören. »Gehst du schon in die Schule?«
Das Mädchen nickte. Schnell schob er das Heft zu ihr rüber.
»Lies mal vor.«
Mit zusammengekniffenen Augen begann sie einzelne Buchstaben aufzusagen und zu einem Wort zusammenzufügen.
»Du kannst ja gar nicht lesen.« Andreas zog das Heft wieder zurück.
»Das ist Schreibschrift. Da kenne ich noch nicht alle Buchstaben. Darf ich mit reingucken?«
»Meinetwegen. Aber keine Eselsohren reinmachen.« Andreas legte das Heft auf den Tisch. Gemeinsam überlegten sie, was die Tiere an dem Bach anstellten. Anna hatte viele lustige Ideen, die beide zum Lachen brachten.
Als die Erwachsenen in die Hände klatschten, sah Andreas auf. Einer der Maurer überreichte seinen Eltern einen großen Ziegelstein. Endlich war es soweit. Gleich durfte er in die Baugrube klettern. Andreas rannte zu seinen Eltern. Das Lurchi-Heft nahm er vorsichtshalber mit, Anna ließ er einfach sitzen. Sein Vater hielt den Stein in die Höhe. »Wir werden diesen Stein gleich auf das Fundament unseres Hauses setzen. Gefüllt wird er mit Erinnerungen an diesen besonderen Tag.« Dann kippte er den Stein etwas nach vorn und zeigte ihn in die Runde. Andreas streckte seine Hand aus. Der Hohlraum in dem Backstein war so riesig, dass seine beiden Füße darin Platz hätten. »Hier, halt mal, mein Sohn.« Ehe Andreas sich versah, landete der Stein in seinen Händen und begrub das Lurchi-Heft unter sich. Er war erstaunlich leicht. Sein Vater nahm eine Zeitung, die seine Frau ihm reichte. »Liebe Freunde, die Frankfurter Rundschau vom heutigen Tag, Freitag, 18. April 1958. Unser Bundeskanzler, Konrad Adenauer, ist in Großbritannien zu Gast und wurde von Königin Elisabeth der Zweiten empfangen. Nun, so groß wie der Buckingham Palast wird unser bescheidenes Haus nicht werden, aber ebenso gastfreundlich. In Paris treffen sich dieser Tage die Verteidigungsminister der NATO, um eine erfolgreiche Verteidigungsstrategie festzulegen. Wünschen wir ihnen Erfolg bei ihren Gesprächen über konventionelle und atomare Waffen, damit unser Frieden erhalten bleibt. Eine ganz andere Strategie brauchen unsere Jungs von der Eintracht, die sich noch vier Wochen bis zum Finale der Deutschen Fußballmeisterschaft behaupten müssen. Wie gern hätte ich die Siegerzeitung hier in diesen Stein gelegt, doch dazu müssten wir den Baubeginn um einen Monat verschieben. Dafür reicht die Geduld meiner Gattin Elsbeth nicht.« Gelächter ertönte von den Umherstehenden. Seine Mutter hob statt einer Antwort eine Fotografie in die Höhe. Andreas kannte das Bild. Sie hatten es letztes Jahr zu Weihnachten aufgenommen, um es den Großeltern zu schenken. Sein Vater trug den dunklen Anzug und stand neben einem Ohrensessel, in dem seine Mutter saß. Andreas konnte sich gut an die Diskussion erinnern, denn zum Leidwesen seiner Mutter passte der türkise Sesselstoff überhaupt nicht zu ihrem roten Samtkleid. Nur mit Mühe hatte der Fotograf sie beruhigen können, dass es auf der Fotografie keine Rolle spielen würde, da der Abzug in Schwarzweiß sei. Am Ende musste Andreas sich so an den Sessel lehnen, dass möglichst wenig von dem Bezug zu sehen war. Nachdem das Familienportrait zu der Zeitung in den Stein gelegt worden war, trat sein Großvater vor. Umständlich öffnete er seinen Geldbeutel. Mit zittrigem Finger schob er das Kleingeld hin und her, bis er das richtige gefunden hatte. »Die Pfennige sollen euch Glück bringen«, sagte er. Drei Münzen verschwanden klirrend in dem Stein. Ein etwas größeres Geldstück folgte mit den Worten: »Auch an einem Notgroschen soll es euch nie fehlen.« Andreas kannte die Münze. Zehn Pfennig, dafür gab es leckere Lutscher beim Bäcker, die er sich manchmal aussuchen durfte. Mit einem Augenzwinkern fragte sein Opa: »Und was tust du in den Stein, Großer?« Andreas zuckte mit den Schultern. »Es ist doch auch dein Haus. Da musst du doch auch einen Zeitzeugen beisteuern.« Andreas hatte keine Ahnung, was ein Zeitzeuge war. Unsicher schaute er zu seiner Mutter. Sie wusste immer eine passende Antwort für ihn. Doch jetzt lächelte sie nur zu ihm herunter. Alle Blicke ruhten auf ihm. Irgendjemand lachte. Über ihn? Am liebsten hätte Andreas den Stein zu Boden geworfen und wäre weggerannt. Allerdings versperrte Opa ihm den Weg. Sein Vater nahm Andreas den Stein ab, dessen Abdrücke sich auf dem Blatt des Lurchi-Heftes eingegraben hatten. Sein Vater griff nach dem Heft und strich es an seinem Oberkörper glatt. »So wie gutes Schuhwerk wichtig ist für unseren Lebensweg, so sind auch Mut und Abenteuerlust für einen Hausbau unabdingbar. Hoffen wir, dass es ebenso wie in diesen bunten Kindergeschichten ein gutes Ende nimmt.« Die Erwachsenen brachen in Gelächter aus.
Andreas reckte seine Arme in die Höhe. »Wir haben das Heft doch gar nicht gelesen.« Niemand hörte ihm zu.
Seine Mutter wedelte mit einer kleinen Eintrittskarte in der Hand. »Schön ist die Welt«, sagte sie. Einige Damen nickten lächelnd. »Mein Lieblingsfilm im vergangenen Winter. Ich liebe es, wie Rudolf Schock in dem offenen Auto steht und die Schönheit der Welt besingt. Ich war dreimal in dem Film.«
»Dieser Möchtegern-Gigolo.« Sein Vater rollte mit den Augen. Dann küsste er seine Frau auf die Wange. Mit einem leisen Klacken legte er den passenden Deckel auf die Schatzkiste. »Komm, mein Sohn, jetzt mauern wir beide den ersten Stein.«
Andreas streckte erneut seine Hände nach dem Grundstein aus. »Halt!«, protestierte seine Mutter. »Du ziehst erst was anderes an die Füße.« Gleich darauf saß Andreas auf der Bank und seine Mutter öffnete die Schnürsenkel seiner Schuhe. Sie zog seine Kniestrümpfe stramm nach oben und hielt ihm dann die gelben Gummistiefel zum Reinschlüpfen hin. Eine Träne kullerte über seine Wange. »Hey, du musst nicht weinen, mein Schatz. Vater wird den Stein nicht ohne dich einmauern. Er wartet.« Anna beugte sich zu ihm und flüsterte: »Lurchi ist stark. Er wird sich befreien.« Darauf wollte Andreas es lieber nicht ankommen lassen. Seine Mutter stülpte ihm den zweiten Gummistiefel über den Fuß. »Und jetzt lauf.« Schwungvoll stellte sie ihn auf die Füße und schob ihn Richtung Baugrube. Andreas rannte los. Mit etwas Glück würde er Lurchi und seine Freunde aus dem Stein befreien können.
Das Loch war ganz schön tief. Sein Vater stand bereits unten auf der Betonplatte. Einer der Maurer rührte mit einer Metallkelle in einem großen Kübel. Riesige Würfel aus Steinen warteten darauf, zu einer Wand aufeinandergestapelt zu werden. Unentschlossen blieb Andreas vor der Leiter stehen. Der zweite Maurer ging an ihm vorbei und kletterte einige Stufen hinunter. »Komm, mein Junge, ich helfe dir, bevor du noch in einem Rutsch nach unten saust.« Vorsichtig streckte Andreas sein Bein aus, bis sein Fuß die erste Sprosse der Leiter erreichte. Beide Hände umklammerten das raue Holz. Er roch den Schweiß des Mannes, als sie gemeinsam hinunterstiegen. Unten angekommen, rannte er sofort zu seinem Vater. Er kam zu spät. Mörtel quetschte sich bereits oben aus dem Stein, wo sie den Deckel draufgepappt hatten. Nichts mehr zu machen: Lurchi war gefangen. »Nun, in welche Ecke wollen wir den Grundstein setzen?«, fragte ihn sein Vater. Andreas war wie gelähmt. Sein Vater drückte ihm den Stein in die Hand. »Du darfst entscheiden.« Er kam ihm sehr schwer vor in seinen kleinen Händen. Andreas schaute sich auf der Bodenplatte um. Tränen schwammen in seinen Augen. Die Sonne ließ den Beton in einer Ecke hell aufleuchten. Andreas ging langsam auf den Sonnenfleck zu. Sein Vater folgte ihm mit einer Kelle voll Mörtel. Schwungvoll warf er die feuchte Masse auf den Boden. Andreas setzte den Stein ab. Liebevoll streichelte er über den Deckel, bis neben ihm der nächste Mörtel auf den Boden klatschte. Sein Vater ließ sich drei weitere Steine reichen, die er nebeneinander auf dem Boden festmauerte. Dann übergab er die Kelle einem der beiden Maurer. »Das ist jetzt euer Job. Ich bin erst wieder dran, wenn die Stromkabel verlegt werden.« Die Männer nickten sich zu und die Maurer setzten die Arbeit fort. Allmählich wurden die Steinwürfel immer kleiner und die Hausmauer wuchs. Andreas blieb in der Mitte stehen und behielt seinen Stein fest im Auge. Oberhalb der Baugrube standen die Erwachsenen in Gruppen beieinander, lachten, scherzten und unterhielten sich.
Kapitel 2
Lonely Boy
Paul Anka
1959
Unter der Gardine fiel ein schmaler Lichtstrahl auf die grünen Straßen auf dem Teppichboden. Es waren natürlich keine richtigen Fahrbahnen, sondern viele Rechtecke, die sich in Grüntönen aneinanderreihten. Der Teppich von Wand zu Wand, wie seine Eltern ihn nannten, war das Beste an seinem neuen Kinderzimmer. Andreas schob auf den Farbstreifen gern seinen kleinen Lastwagen entlang. Das Straßennetz reichte vom Kleiderschrank über den Kindertisch mit der Bank davor bis unter sein Bett, wo der Laster derzeit in der Garage parkte. Bereit für den nächsten Einsatz. Andreas zog einen Fuß unter der Bettdecke hervor und strich mit dem Zeh über den weichen Bodenbelag. In der Küche klapperte eine Schranktür. Aus dem Badezimmer hörte er die Klospülung. Mit dem Zeigefinger tippte er auf die Zirkuspferde, die mit dem bunten Federschmuck auf ihren Köpfen auf seinem Bettbezug galoppierten. »Eins, zwei, drei, fünf, acht, vier, sechs, sieben.« Er konnte richtig gut zählen. Heute war sein erster Schultag. Der Lehrer und die anderen Schüler würden staunen. Auf seiner Kinderbank stand der gepackte Tornister. Das braune Leder hatte schon ein paar Flecken, weil er nicht neu war. Mutter hatte ihn von einer Bekannten günstig gekauft, deren Sohn inzwischen in die Mittelschule ging. Die Schultergurte hatte sein Vater gestern Abend so eingestellt, dass der Ranzen nicht wackelte, wenn er ihn trug. Alle Kinder freuen sich, wenn sie in die Schule dürfen, hatte Papa gesagt. Warum klopfte sein Herz immer schneller, sobald er an die vielen fremden Kinder dachte? Wenn er nur einen Freund hätte, dann wäre es bestimmt leichter. Oder einen großen Bruder, der sich in der Schule auskannte. Eine Schultüte hatte er nicht gesehen. Hatten seine Eltern das am Ende in dem Umzugschaos der letzten Wochen vergessen?
Andreas griff nach seinem Teddybären und setzte sich auf die Bettkante. Mit dem großen Zeh fuhr er eine Weile auf den Teppichstraßen entlang, bis er endgültig aufstand. Leise öffnete er die Zimmertür. Der Flur wurde durch das geriffelte Glas der Küchentür spärlich beleuchtet. Hier roch es intensiv nach Farbe. Gestern Abend hatte sein Papa noch die Farbe ausgebessert, nachdem alle Möbel in ihrem neuen Haus ihren Platz gefunden hatten. Er hörte die Stimmen seiner Eltern aus der Küche.
»Andreas wird sehr enttäuscht sein, wenn du nicht dabei bist«, sagte seine Mutter.
»Ich kann es nicht ändern. Die Arbeit geht vor.«
»Die Arbeit, die Arbeit! Ich kann es bald nicht mehr hören. Du bist nur noch am Schaffen, Fritz. Wir verbringen überhaupt keine Zeit mehr miteinander.«
»Das wird sich wieder ändern, Elsbeth. Versprochen. Es ist jetzt einfach viel zu tun. Unser Hausbau hat viel Kraft und Geld gekostet. Das haben wir aber vorher gewusst. Dafür haben wir es jetzt schön, oder nicht?«
»Doch natürlich. Mir macht das nur manchmal Angst. Die Hypotheken, die jeden Monat bedient werden müssen, die Firma, die erst noch richtig anlaufen muss. Was ist, wenn dir etwas passiert?«
»Elsbeth, daran darfst du nicht denken. Freu dich an deiner schönen modernen Küche. Die Schranktüren in rosa, gelb und hellblau sind genauso, wie du es dir gewünscht hast. Sobald die Wohnung obendrüber vermietet ist, kommt zusätzliches Geld rein. Wir schaffen das. Glaub mir! Wenn Andreas vormittags in der Schule ist, kannst du dich ein wenig entspannen.«
»Allein macht das keinen Spaß. Und was ist mit dir? Wann entspannst du dich?«
»Wenn die Firma sich etabliert hat. Im Moment muss ich jeden Auftrag annehmen. Wir wollten beide, dass ich mich als Elektriker selbstständig mache. Du warst auch dafür.«
»Ich weiß.« Andreas hörte seine Mutter seufzen. »Ich fühle mich manchmal nur so verdammt allein hier in Niederhofheim. Ich kenne keine Nachbarin gut. Du bist von früh bis spät weg. Ab heute geht Andreas auch den halben Tag aus dem Haus. Nur ich hocke hier. Jedes Mal zu Fuß laufen oder mit der Dampflok nach Hause zu fahren, ist so zeitaufwändig.«
»Liebling, wir sind jetzt hier zuhause. Nicht mehr in Unterliederbach.«
»Es fühlt sich aber noch nicht so an.«
»Gib dir etwas Zeit. Du wirst Freundinnen finden. Wie wäre es mit den Landfrauen? Das ist ein junger Verein, der hat sich erst letztes Jahr gegründet. Du könntest dort Mitglied werden.«
»Das sind alteingesessene Bauersfrauen. Die brauchen keine Zugezogene wie mich.«
»Schau es dir doch erstmal an.«
»Ach Fritz ...« Ihr Schluchzen drang bis auf den Flur. Dann wurde ein Stuhl über den Boden geschoben.
»Was ist denn los, mein Liebes?« Die Stimme seines Vaters war leise und zärtlich. Eine Weile war nur das Weinen seiner Mutter zu hören.
»Es ist nur, weil ich heute Nacht wieder davon geträumt habe.«
»Elsbeth, Liebes, das ist so viele Jahre her. Du musst loslassen.«
»Ich kann nicht. Ich höre immer noch diese fürchterlichen Bomben. Die entsetzlichen Nächte in irgendwelchen Kellern. Ich habe es gehasst, dort zu sitzen. Diese unendliche Angst. Und dabei waren wir dort sicher. Jedenfalls sicherer als später auf der Flucht. Jedes Jahr zu Ostern holt es mich ein. Mein Bruder hätte im April Geburtstag. Rudi wäre sicher längst verheiratet. Wir würden uns gegenseitig besuchen. Unsere Kinder würden miteinander spielen. Meine Eltern wären dabei. Meine Familie würde euch beide und dieses Haus lieben, das weiß ich. Wären wir in diesen unsäglichen Kellern geblieben, würden sie alle noch leben.« Die Stimme des Vaters verschmolz mit dem Schluchzen.
Erst als das Weinen seiner Mutter leiser wurde, öffnete Andreas vorsichtig die Küchentür. Durch einen kleinen Spalt beobachtete er seine Eltern. Sein Vater kniete auf dem Fußboden. Seine Mutter saß vornübergebeugt auf einem Stuhl. Ihr Kopf lag auf Papas Schulter. Mit einer Hand streichelte er Mamas Haare, mit der anderen ihren Rücken.
»Muss ich jetzt in die Schule gehen?«, fragte Andreas in die Stille.
Sein Vater sah ihn an und lächelte erleichtert. »Das klingt ja nicht begeistert. Die Schule wird dir gefallen, da bin ich sicher.«
Seine Mutter wischte mit den Händen über ihre feuchten Augen. »Vorher gibt es Frühstück. Mit leerem Magen geht man nicht aus dem Haus.«
Andreas kletterte auf die Eckbank und setzte seinen Teddybären neben sich. Er wartete, bis seine Eltern sich fertig umarmt hatten. Sein Vater ließ sich auf einem Stuhl nieder. »Erdbeermarmelade oder Honig?«
»Beides!«
»Übereinander oder nacheinander?«
»Übereinander«, entschied Andreas. Sogar seine Mutter stimmte in das Gelächter ein und strich über seine Haare, und sein Vater legte eine Brotscheibe auf seinen Teller. Andreas schraubte das Marmeladenglas auf und schob es über den Tisch. Die Mutter stellte ein Glas Milch neben seinen Teller.
»Ich muss heute in Frankfurt arbeiten, mein Großer. Da werde ich es nicht schaffen, vormittags bei deiner Einschulung dabei zu sein«, sagte sein Vater.
Andreas nickte. Das hatte er vorhin schon verstanden.
»Wenn ich zurück bin, gehen wir drei ein Eis essen und dann erzählst du mir von deinem Schultag. Okay?«
»Alles klar, Papa. Wenn ich groß bin, helfe ich dir bei deiner Arbeit. Dann bist du früher zuhause und Mama muss nicht mehr traurig sein.«
»So machen wir das. Ich wünsche dir viel Spaß heute. Hast du alles, was du für die Schule brauchst?«
»Das Mäppchen und meine Hefte liegen im Ranzen.«
»Mehr brauchst du nicht?«
Andreas dachte nach. »Ein Pausenbrot vielleicht?«
»Das gibt es erst morgen«, warf seine Mutter ein.
»Dann habe ich alles.«
Sein Vater rieb sich mit seiner Hand über das Kinn. »Hm, was machen wir denn nun mit der großen Schultüte im Wohnzimmer? Vielleicht treffe ich auf dem Weg nach Frankfurt ein Kind, das heute eingeschult wird und noch keine Schultüte hat.«
»Nein!« Andreas sprang von der Bank. Die Milch in seinem Glas schwappte über, als er an das Tischbein stieß. Schnell sauste er ins Wohnzimmer. Oben auf dem Buffetschrank lag tatsächlich eine Schultüte. Hellblau mit dunkelblauen Streifen. Vorsichtig hob er sie herunter. Die Schultüte war schwer und riesengroß. Das Krepppapier und die Schleife, mit der sie verschlossen war, kitzelten an seiner Wange. Sein Herz klopfte vor Freude. »Danke!«
Sein Vater kniete sich vor ihm auf den Boden. »Hör mal zu, mein Großer. Ich wünsche dir heute einen schönen ersten Schultag. Die Schule ist wichtig für Kinder. Wer nichts lernt, kann auch nichts erreichen in seinem Leben. Deshalb sei aufmerksam und fleißig. Es wird dir ewig weit weg vorkommen, Andreas, aber eines Tages machst du dein Abitur und wirst studieren. Der erste Mann in unserer Familie, dem das möglich ist. Ich bin stolz auf dich.«
Andreas nickte und hielt still, solange sein Vater ihn an sich drückte.
»Und jetzt hab viel Spaß in der Schule.« Die Fröhlichkeit kehrte in die Stimme des Vaters zurück, und mit einem Klapps auf den Po verabschiedete er sich von seinem Sohn.
Gemeinsam verließen sie das Wohnzimmer. Andreas legte die Schultüte im Kinderzimmer neben den Ranzen. Dann hüpfte er zurück in die Küche. Sein Teddy saß am Tisch und starrte auf das Marmeladenbrot, das er seinem Stofftier vor der Nase wegstibitzte. Seine Mutter räumte die Kaffeetassen in die Spüle. Dabei seufzte sie leise. Draußen knatterte das Moped seines Vaters und er hörte, wie er wegfuhr.